Benita's Blog

10.05.2024 | Neuer Umgang mit Fehlern

Unserer aktuelle Fehlerkultur vs. Fehler sind Helfer

Machst du gerne Fehler? Wahrscheinlich eher nicht … Doch weshalb ist das so? Uns wurde beigebracht (oft auch unbewusst), dass Fehler machen nicht gut ist. In der Schule wurde jeder Fehler rot angestrichen, je mehr Fehler du gemacht hast, desto schlechter war die Note.

Der Begriff „Fehler“ wird meist in einem negativen Sinn gebraucht. Fehler sollten möglichst nicht vorkommen. Sie deuten darauf hin, dass man „nicht richtig funktioniert.“ Deshalb versuchen wir meistens, Fehler möglichst zu vermeiden.
Doch in der Lernforschung werden Fehler ganz anders beurteilt. Wenn man sich die Mühe macht und die Fehler analysiert, kann man feststellen, dass sie viele Informationen über den aktuellen Lernstand eines Kindes enthalten. Fehler sind eine ganz normale Erscheinung eines Lernprozesses.

 

 

Fehler- Mentalität genauer betrachtet

Lass uns da mal tiefer eintauchen: In unserer Gesellschaft sind Fehler nicht gerne gesehen. Niemand macht gerne Fehler. Doch weshalb ist das so?  Meist sind sie uns peinlich und wir schämen uns dafür. Durch Fehler scheinen wir nicht perfekt zu sein, nicht zu genügen, nicht gut zu sein. „Man“ macht einfach keine Fehler. Und genau diesen Glaubenssatz geben wir so an unsere Kinder weiter …

 

Was macht das mit unseren Kindern?

Von ihnen wird erwartet, dass sie (möglichst) keine Fehler zu machen. Jeder Fehler wird negativ bewertet, meist mit einem Rotstift. Es soll herausstechen, Achtung! Rot = Gefahr! Doch sind Fehler wirklich eine „Gefahr“?

 

 

Rotstift?
Besser „Grünstift“, „Violettstift“, „Blaustift“ oder „Rosastift“

Meine Gedanken zum Rotstif: Ich mag Rotstifte überhaupt nicht. Ich mag auch die Farbe Rot nicht, habe ich noch nie. In meiner gesamten Zeit als Lehrerinnen verwendete ich nie einen Rotstift zum Korrigieren.
Weshalb muss es ein Rotstift sein? Rot bedeutet doch „Achtung! Gefahr“. Fehler sind doch keine Gefahr. Im Gegenteil. Erst durch Fehler und die dadurch gemachten Erfahrungen, können wir etwas lernen und uns so weiterentwickeln.

Ich lade dich herzlich dazu ein, eine andere Farbe auszuprobieren. Es gibt so schöne andere Farben, wie z.B. violett, hellblau, türkis, grün, rosa, usw.

Das Wort „Fehler“ mag ich auch nicht. Besser passt in meinen Augen: Erfahrung oder Experiment, etwas Neues ausprobieren und entdecken. Wie viel positiver würden Gespräche klingen, wenn wir das Wort „Fehler“ aus unserem Wortschatz streichen würden.

 

 

Fehlerspirale

Meist werden alle Fehler mit Rotstift angestrichen und bei manch einem Kind ist das ausgefüllte Aufgabenblatt mehrheitlich rot. Wie fühlt sich ein Kind wohl, wenn es seine mühevoll geschriebene Arbeit so sieht? Wie würdest du dich fühlen, wenn dich bei der Arbeit ständig jemand korrigiert (schriftlich oder mündlich)? Ich würde mich sehr schlecht fühlen, falsch und beschämt.

So geht es auch den Kindern. Oft entstehen so falsche, innere Glaubenssätze wie „Ich bin zu blöd dafür. Schon wieder so viele Fehler. Ich kann ja gar nichts. Was soll das Ganze eigentlich, ich mag nicht mehr.“ Das nagt am Selbstbewusstsein des Kindes. Die Motivation ist im Keller. Besagtes Schulfacht wird als „blöd, mag ich nicht, kann ich nicht“ abgestempelt.

Meist ist das rote Blatt nicht alles. Da wartet noch die Verbesserung. Nicht selten lautet der darauffolgende Auftrag: „Bitte alle Fehler verbessern und drei Mal korrekt abschreiben“. Das heisst für dieses besagte Kinder einen enormen zusätzlichen Zeitaufwand. Das Kind ist gefrustet, wütend, verzweifelt, traurig, usw. Die Motivation sinkt auf den Nullpunkt. Das Gehirn speichert das genauso ab.
Und nebenbei bemerkt, nicht für jedes Kind ist es sinnvoll, ein Fehlerwort drei Mal korrekt abzuschreiben. Weiter unten im Artikel („Sinnvolle Korrektur“) zeige ich dir andere Möglichkeiten.

 

 

„Fehler sind in Goldpapier verpackte Geschenke“

Dieses schöne Zitat stammt von Franziska Püller.

 

Wenn auf einem Blatt überdurchschnittlich viele Fehler sind, lohnt es sich, hier einmal genauer hinzuschauen und evtl. auch eine Fehleranalyse zu machen. Welche Fehler macht das Kind und wo häufen sich dich Fehler. Meist liegen dort Hinweise, wo es noch hakt und was das Kind noch nicht verstanden hat. Hier kann man gezielt ansetzten, das Thema nochmals anschauen und fehlendes aufarbeiten.

Fehler sagen uns, wo wir noch genauer hinschauen dürfen, was wir noch überarbeiten und lernen können. Fehler sind wichtige Hinweise in meiner Lernpraxis. Ich als Lerncoach möchte von meinen Coachees immer einen eigenen von Hand geschriebenen Text, der NICHT korrigiert wurde. Erstens erzählen mir diese Geschichten so viel von jedem einzelnen Kind und ich sehe, wo und welche Fehler sich häufen. Eine entsprechende Fehleranalyse zeigt mir genau, wo ich beim Kind ansetzen kann.

Für mich sind diese Fehler sehr hilfreich.

Doch gleichzeitig sollte man auch das grosse Ganze im Blick behalten, denn

Fehler ist nicht gleich Fehler.

Es gibt Fehlerkombinationen, die nicht sein müssten und in einer höheren Entwicklungsphase nicht mehr auftreten sollten. Hier darf man noch etwas genauer hinschauen und auch ein Blick dahinter kann sehr aufschlussreich sein.

 

 

Fehlergespräche

In meinen Weiterbildungen habe ich das Tool „Fehlergespräch“ kennen und lieben gelernt. Ich nutze es mittlerweile fast täglich. Und so funktioniert es:

Das Kind darf mir erzählen und erklären, warum es etwas so geschrieben oder gerechnet hat. Meist hat es bereits in die richtige Richtung gedacht, aber irgendwo auf seinem Gedankenweg etwas übersehen. Deshalb stand am Schluss leider nicht das richtige Ergebnis dort, jedoch die Richtung war grundsätzlich korrekt. Das kann ich aber nur herausfinden, indem ich mit dem Kind darüber spreche.

Für das Kind ist diese Erkenntnis sehr wertvoll, denn so versteht es, dass nicht grundsätzlich alles falsch war. Einiges war bereits richtig. So ist es meist motivierter, in das jeweilige Thema nochmals Zeit und Mühe zu investieren.

 

Meiner Meinung nach lohnt es sich auch immer, ein Fehlergespräche zu führen.

 

Mir ist bewusst, dass man als Klassenlehrperson nicht mit all seinen Schülern*innen diese Fehlergespräche führen kann. Das muss auch nicht sein. Aber mit diejenigen Schüler*innen, die oft und viele Fehler machen, für die lohnt es sich in jedem Fall. Auch du als Lernbegleiter kannst so die Gedankengänge der Kinder leichter nachvollziehen.

 

Gerne möchte ich dir noch eine Idee mitgeben. Vielleicht magst du sie ausprobieren und schauen, was es mit den Kindern macht. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man direkt oberhalb eines Fehlers eine Lupe hinzeichnen soll (ganz einfach, einen Kreis mit einem Strich). Sobald das Kind den Fehler verbessert hat, darf es daraus eine Sonne zeichnen. So sind am Schluss viele Sonnen auf dem Blatt und nicht nur rote „F’s“. Ich finde das eine sehr schöne Idee.

Bestimmt hast du auch schon mal davon gehört, dass man das Wort FEHLER umstellen kann und dabei kommt HELFER heraus. Lass das mal auf dich wirken …

 

 

Wir brauchen Fehler, damit wir lernen können

Zu guter Letzt haben wir als Erwachsene auch eine Vorbildfunktion gegenüber unseren Kids und dürfen uns dessen immer mal wieder bewusstwerden. Wie gehst du mit Fehlern um? Fällt es dir leicht, einen Fehler „zuzugeben“? Oder redest du dich gerne heraus und schiebst ihn jemand anderem in die Schuhe?
Fehler sind menschlich, sie können (und dürfen ja sogar müssen!) immer wieder passieren und wir lernen jedes Mal etwas daraus. Auch ich habe zwischendurch schlechte Tage und da passieren mir mehr Fehler, aber was solls? Ich darf auch dankbar für diese Fehler sein und sagen: „Danke, dass du mich darauf hinweist.“

 

In diesem Sinne: Wenn ihr hier im Blog einen Fehler findet, denk daran: niemand ist perfekt und Fehler passieren. Das gehört zum Leben dazu.

 

 

Sinnvolle Korrektur

Eine sinnvolle Korrektur darf nicht einfach nur Fehler zählen sein. Es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität der Fehler. Jeder Fehler ist ein Hinweis, eine entsprechende Intervention einzuleiten.
Die weit verbreitete Art der Verbesserung, ein Wort drei Mal schreiben zu lassen, ist keine gehringerechte Lernstrategie. Es passt eher in das „Giesskannenprinzip“, welches eine ermüdende und oft auch verhasste Tätigkeit ist.
Da unser Gehirn Abwechslung liebt, probiere gerne eine der folgenden Möglichkeiten aus:

  • Wörter mit abwischbaren Stiften ans Fenster schreiben lassen
  • eine Computertastatur mit Kreide auf den Boden zeichnen (inkl. Leertaste und Shift) und das Wort richtig hüpfen
  • das Wort buchstabieren
  • das Wort zu einer bekannten Melodie buchstabieren
  • einen Weg zeichnen und die einzelnen Buchstaben des Wortes auf dem Weg platzieren.
  • erstelle eine Bildwortkarte: schreibe das Wort richtig auf eine Karte (A5 oder AG), markiere die Stelle, die falsch geschrieben wurde, farbig und zeichne eine passende Situation oder Gegenstand darüber (z.B. das Wort „bellen“ wurde nur mit einem „l“ geschrieben, ich schreibe das Wort richtig auf, markiere mit das Doppel„l“ farbig, zeichne daraus zwei Holzstöcke und daneben einen Hund, der das Doppel-„l“ anbellt)
  • das Wort diktieren (evtl. auch buchstabieren), aufnehmen und anhören
  • mit dem Finder in Sand zeichnen
  • das Wort gross auf ein Blatt Papier schreiben und anschliessend ein paar Mal mit Farbe nachfahren
  • das Wort mit Buchstaben-Perlen auffädeln
  • mit Muggelsteinen legen
  • mit dem Pinsel und Wasser auf den Boden schreiben (draussen)
  • das Wort aus einem langen Band formen
  • die Wörter auf Postit schreiben und dort aufhängen, wo das Kind oft hinblickt (z.B. Badezimmerspiegel, gegenüber vom Sitzplatz beim Essen, usw.)
  • usw.

 

Bestimmt fällt dir auch noch einiges dazu ein.

 

Ich wünsche dir viel Vergnügen beim Ausprobieren und freue mich riesig über eine Rückmeldung von dir. Was hast du ausprobiert und umgesetzt und wie hat das Kind darauf reagiert?

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